Kinder kommen nicht mit fertigem Sehvermögen auf die Welt. Das Sehen ist ein hochkomplexer Lernprozess, der im Gehirn stattfindet und in den ersten Lebensjahren trainiert werden muss. Nur wenn beide Augen ein scharfes, deckungsgleiches Bild an das Gehirn senden, kann sich räumliches Sehen fehlerfrei entwickeln.
Besteht auf einem Auge eine unerkannte Weitsichtigkeit, Hornhautverkrümmung oder ein minimales Schielen (Mikrostrabismus), schaltet das Gehirn das Bild des schwächeren Auges einfach ab, um störende Doppelbilder zu vermeiden. Wird dies nicht rechtzeitig erkannt, bleibt das betroffene Auge dauerhaft schwachsichtig (Amblyopie) – ein Defizit, das nach dem Grundschulalter kaum noch korrigiert werden kann.
Kinder bemerken eine einseitige Sehschwäche selbst nicht, da das gesunde Auge alles ausgleicht. Wir empfehlen eine augenärztliche Untersuchung:
- Sofort im 1. Lebensjahr: Bei sichtbarem Schielen, Augenzittern, weißlicher Pupille, auffallend großen Augen oder wenn in der Familie frühkindliches Schielen oder starke Fehlsichtigkeiten bekannt sind.
- Mit 2 bis 3 Jahren: Zur routinemäßigen Vorsorgeuntersuchung für alle Kinder, auch bei scheinbar unauffälligen Augen.
- Vor der Einschulung: Um sicherzustellen, dass das Kind den visuellen Anforderungen des Schulalltags (Tafel, Hefte) gewachsen ist.
In unserer Sehschule arbeiten spezialisierte Fachkräfte (Orthoptistinnen) Hand in Hand mit unseren Augenärzten. Wir nehmen uns viel Zeit und gestalten die Untersuchungen spielerisch und ohne Druck:
- Sehschärfenbestimmung mit Bildtafeln: Altersgerechte Tests mit Symbolen, Tieren oder E-Haken für Kinder, die noch keine Buchstaben kennen.
- Prüfung des räumlichen Sehens (Stereotests): Spielerische 3D-Bilderbücher (z. B. Titmus- oder Lang-Test), bei denen Kinder verborgene Figuren ertasten oder benennen.
- Objektive Brechkraftmessung: Bestimmung der Dioptrienwerte mit berührungslosen Messgeräten (Skiaskopie), bei Bedarf nach Verabreichung spezieller kindgerechter Augentropfen, die die Akkommodation kurzzeitig entspannen.
- Untersuchung der Augenbeweglichkeit: Aufdecken von verdecktem Schielen oder Fehlstellungen der Augenmuskeln.
Wird eine Schwachsichtigkeit frühzeitig festgestellt, lässt sie sich in den meisten Fällen erfolgreich behandeln:
- Kinderbrille: Eine optimal angepasste Brille sorgt dafür, dass auf beiden Netzhäuten ein scharfes Bild entsteht.
- Pflastertherapie (Okklusion): Durch das stundenweise Abkleben des gut sehenden Auges mit einem Spezialpflaster wird das gehirnseitig vernachlässigte, schwächere Auge gezielt trainiert und aktiviert.

